Prof. Henning Kagermann, Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (acatech). / Foto: Volkswagen AG

Wolfsburg (WB/Volkswagen AG/E-Mobilität) - Am 24. Juni treffen sich die führenden Köpfe der deutschen Automobilindustrie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Unter anderem soll es um den Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland gehen. Wir sprachen darüber mit Prof. Henning Kagermann, dem Vorsitzenden der Nationalen Plattform „Zukunft der Mobilität“ (NPM).

E-Autos werden immer beliebter – nicht zuletzt dank der E-Offensive der Volkswagen AG. Doch auch eine gute Ladeinfrastruktur gehört dazu. Wie das funktioniert und warum E-Mobilität so wichtig ist, erklärt Prof. Henning Kagermann, Vorsitzender der Nationalen Plattform „Zukunft der Mobilität“ (NPM), im Interview.

Wie wichtig ist der weitere Ausbau der Ladeinfrastruktur für den Erfolg des E-Autos?

Sehr wichtig. Auch, um der „Ladeangst“ der Deutschen zu begegnen. Im Alltag der meisten sollte sie zwar eigentlich keine große Rolle spielen, weil eine Akkuladung ja für die meisten Strecken ausreicht – im Pendelverkehr und für tägliche Besorgungen. Aber Autos sind nun mal emotional besetzt. Und dadurch, dass große Hersteller wie Volkswagen nun richtig einsteigen in den E-Auto-Markt, bekommt das Thema Ladeinfrastruktur eine neue Dringlichkeit. E-Mobilität hat durch die Initiative der großen Hersteller jetzt eine signifikante Beschleunigung erfahren.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Ladeinfrastruktur in Deutschland?

Deutschland ist nicht so schlecht aufgestellt, wie viele denken. Aber wir müssen jetzt Gas geben. Einer neuen Umfrage zufolge würde aktuell jeder vierte Deutsche ein Elektro-Auto kaufen – das ist eine gute Zahl, wenn man bedenkt, dass jedes Jahr knapp vier Millionen Kaufentscheidungen gefällt werden. Wir haben aktuell rund 18.000 öffentliche Ladepunkte in Deutschland. Zusammen mit den Wallboxes, mit denen das E-Auto zuhause aufgeladen wird, reicht das aktuell noch. Aber wenn die Entwicklung jetzt an Tempo zulegt – was ich sehr hoffe –, dann brauchen wir mehr. Insgesamt müssen wir bedarfsgerecht vorgehen. Wenn wir davon ausgehen, dass bis zum Jahr 2030 rund sieben bis zehn Millionen Elektro-Fahrzeuge in Deutschland unterwegs sind, muss noch einiges geschehen beim Ausbau der Ladeinfrastruktur.

100000Ladepunkte

 

Grafik: Volkswagen AG 

Was muss in Deutschland passieren, um die Wende zur E-Mobilität zu schaffen?

Hier sind drei Akteure in der Pflicht: die Hersteller, die Gesellschaft und die Politik. Mit dem Volkswagen Konzern haben wir einen Hersteller, der mit Fahrzeugen wie dem ID.3 das Volumen-Segment abdeckt, was essentiell für den Durchbruch der E-Mobilität ist, und der auf der anderen Seite mit Konzernmarken wie Porsche und Audi auch das Thema Emotionalität abdeckt. Die Gesellschaft nähert sich dem Thema vorsichtig, wie auch die Politik, weil hier so vieles miteinander verknüpft ist, auch die Energiewende und die Digitalisierung.

Welche Länder sind uns da voraus und warum?

Da gibt’s zwei Beispiele, die immer wieder genannt werden: Norwegen und China. In China ist es so, dass dort mit Incentives gearbeitet wird, die wir hierzulande nicht einsetzen können, geschweige denn wollen – zum Beispiel die Praxis, dass dort eine Neuzulassung verweigert werden kann, wenn das Fahrzeug nicht ein Elektrofahrzeug ist. Und in Norwegen sind die Steuern auf Verbrenner recht hoch. Wenn diese weggelassen werden bei einem Elektrofahrzeug, dann gibt das einen großen finanziellen Vorteil. Derlei Mittel haben wir aktuell nicht, brauchen wir aber auch nicht.

Warum wird oft gesagt, Deutschland habe diese Wende verschlafen?

Das stimmt so nicht. Deutschland ist etwas vorsichtiger, das ist richtig, aber insgesamt hervorragend aufgestellt, auch dank einer starken Automobilindustrie. Ich hätte mir vielleicht noch gewünscht, dass die großen Konzerne das Thema etwas früher angegangen wären, etwa bei der Batteriezellen-Forschung und -Herstellung. Aber bei derlei Entscheidungen kommt es immer auf viele Faktoren an, und die deutschen Autobauer scheinen zu wissen, was sie tun. Zudem sollte man den Markt nicht verbrennen, indem man mit halbgaren Modellen die Kunden verschreckt. Es ist immer die Frage, wie weit bestimmte Technologien sind. Diese schreiten voran und können plötzlich einen regelrechten Sprung nach vorne machen, wie das Beispiel Smartphone zeigt. Und insgesamt ist es für Deutschland und Europa sicherlich auch geopolitisch nicht schlecht, eine gewisse technologische Souveränität zu haben. Das zeigen die globalen Entwicklungen der vergangenen vier Jahre.

Wie sollte die Politik den Ausbau der Ladeinfrastruktur konkret fördern und warum?

Warum? Weil in absehbarer Zeit sehr viele E-Autos auf den Markt kommen und geladen werden wollen. Und wie? Im Grunde läuft hier schon vieles richtig. Es gibt meiner Meinung nach genug Geld in der Förderung. Das Geld wird allerdings nicht schnell und gut genug verteilt. Das läuft zu langsam. Hier müsste einfach Bürokratie abgebaut werden, damit das schneller geht. Und natürlich würden wir eine Gesetzesänderung brauchen, damit der Einbau von Wallboxen in Mietwohnungen und in Eigentumswohnung erleichtert wird, das ist noch zu umständlich. Bei der Eigentumswohnung beispielsweise ist aktuell noch die Zustimmung der gesamten Eigentümerversammlung erforderlich, das geht nicht auf Dauer. Eine weitere Frage ist natürlich, wie das Stromnetz ausgebaut werden muss und welche intelligenten Ladetechnologien wir brauchen, damit die ganzen E-Autos zukünftig auch geladen werden können – und mit welcher Energie dann „getankt“ wird. Idealerweise keine Kohle, damit wir die Klimaziele einhalten können.

Wie bewerten Sie denn die ) - 

Sie ist genau richtig. Als Volumenhersteller kann Volkswagen hier einiges erreichen. Das E-Auto für jedermann, analog zum Golf, zu vernünftigen Konditionen, das ist das, was wir brauchen.

Was antworten Sie auf den Einwand, dass beim aktuellen Energiemix Elektroautos noch gar nicht klimaneutral fahren?

Es wird oft kritisiert, dass Elektrofahrzeuge beim heutigen Strommix noch keinen Klimavorteil haben – oder erst nach einer sehr hohen Fahrleistung. Je nach Fahrzeugmodell fahren Elektroautos aber bereits mit dem heutigen Strommix deutlich emissionsärmer. Wenn die Energiewende voranschreitet, nimmt natürlich auch der Klimavorteil der Elektromobilität zu. Und es ist auch richtig, beim Ladeinfrastrukturausbau und den Fahrzeugmodellen schon heute vorzulegen. Es kann ja nicht sein, dass alle erstmal warten, bis die Energiewende vorankommt, und die Infrastruktur dann vielleicht im Jahr 2040 mal da ist. Elektromobilität und Energiewende müssen Hand in Hand gehen. Ich bin da aber sehr zuversichtlich, dass das alles seinen guten Gang geht.

Ausbau Ladeinfrastruktur

Grafik: Volkswagen AG

Wo steht die E-Mobilität in Deutschland im Jahr 2025?

Im Jahr 2025 sind vielleicht schon zwei bis drei Millionen E-Fahrzeuge auf den deutschen Straßen unterwegs. Auf lange Sicht wird die Digitalisierung zu großen Veränderungen in den Geschäftsmodellen führen. Zunehmende Vernetzung, intelligente Verkehrsleitsysteme und hochautomatisierte Fahrzeuge ermöglichen den Übergang zu bedarfsgerechten integrierten und intermodalen Mobilitätsdienstleistungen: mit einem individualisierten öffentlichen Verkehr, höchster Sicherheit und einem überzeugenden Nutzererlebnis – und durch Elektromobilität natürlich auch lokal emissionsfrei, klimafreundlich und ressourceneffizient.

Inwiefern?

Sie haben insgesamt einen höheren Wirkungsgrad als Verbrenner, rund 70 Prozent im Vergleich zu etwa 30 bis 40 Prozent Energieverwertung. Sie sparen Platz, können bei zehn Prozent weniger Umfang immer noch den gleichen Innenraum bieten. Das ist enorm, wenn man das mal hochrechnet: zehn Prozent mehr Platz auf den Straßen! Zudem benötigen E-Fahrzeuge weniger Aufwand bei der Wartung, weil es weniger Einzelteile gibt, die kaputtgehen können.

Was ist aus Ihrer Sicht für die Kunden am wichtigsten?

Ein E-Fahrzeug, das nicht allzu teuer ist, das eine gute Reichweite hat und das er bequem und schnell laden kann. Dazu gehört auch eine bedarfsgerechte Ladeinfrastruktur, in den Städten, an den Autobahnen und auch zuhause und am Arbeitsplatz durch Wallboxes. Das Verhältnis ist hier erfahrungsgemäß 15 Prozent Ladesäulen zu 85 Prozent Wallboxes. Die meisten laden ihr E-Auto einfach über Nacht zuhause.

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