Bildnachweis: Wolfsburger Nachrichten vom 28./29. Mai 1955, Foto: Stadt Wolfsburg (IZS)

Archivalie des Monats, Ausgabe 10/2019
Wolfsburg (WB/Stadt Wolfsburg) - Wenn der Wolf durch die Stadt fährt, schauen alle Bürgerinnen und Bürger in Erwartung des nächsten von ihm thematisierten Problems auf ihn, für das er sogleich auch stets einen Ratschlag parat hat. Die Karikaturreihe "Der Wolf fährt durch die Stadt" startete in den 1950er Jahren und erschien unregelmäßig in der Sonnabend-Ausgabe der Wolfsburger Nachrichten bis in die 1960er Jahre hinein.

Die Zeichnungen stammten vom Braunschweiger Zeichner Adolf Otto Koeppen. Die Themen umfassten etwa kommunale Fragen, Bauvorhaben innerhalb der Stadt, besondere Ereignisse wie beispielshalber Konzerte oder Vorträge und andere Tagesthemen der Stadt. Der Wolf gab den Bürgerinnen und Bürgern Empfehlungen, die deren Alltag erleichtern sollten. Das Themenspektrum reichte von fehlenden oder verdreckten Parkplatzmarkierungen bis hin zum monierten Mangel an Bussen.
Auch der Nachwuchs der Stadt Wolfsburg fand in den Karikaturen Erwähnung. So wurde am Pfingstwochenende 1955 unter anderem darauf aufmerksam gemacht, dass dieser auf den Straßen der Stadt spielen müsste: "Wagen an Wagen und dazwischen Kinder über Kinder! Verträgt sich nicht miteinander", knurrt der Wolf in unserer Archivalie des Monats Oktober. "Sind hinter den Häusern Plätze und Höfe. Ist also alles da, nur für die Kinder kein Spielplatz", beschwert sich der Wolf über den Umgang mit den Kleinsten der Stadt. "Genügen doch schon ein paar Bretter und eine Ladung Spielsand, und die Straßen sind frei für Autos. Hat man oft genug versprochen. Höchste Zeit jetzt, dass die Hinterhofspielplätze kommen; Es wird Sommer, und die Zahl der Autos und Kinder wächst." (Wolfsburger Nachrichten vom 28./29. Mai 1955)
Die dazugehörige Karikatur zeigt eine belebte Straße in der Volkswagenstadt. Am rechten Bildrand ist ein Bürgersteig zu erkennen, auf dem ein Kind Fahrrad fährt – unter aufmerksamer Beobachtung der Mutter, die das rege Treiben auf und neben der Straße im Blick hat. Dort spielen die Kinder mit einem Ball und laufen unachtsam über die Straße. Vor dem spielenden Nachwuchs ist gerade ein VW-Käfer zum Stehen gekommen, aus dem der Wolf seinen Kopf steckt. Er hat diesen in Richtung der Spielenden gereckt und ruft etwas in ihre Richtung. Auch auf der anderen Straßenseite fährt ein Auto, am Straßenrand sind geparkte Käfer zu erkennen. Darüber hinaus ist die Straßenszene von mehreren Wohnhäusern sowie einer Kirche mit einer kleinen Grünfläche umgeben.
Tatsächlich war die Geburtenrate in den 1955er Jahren in Wolfsburg auffällig hoch. Zwischen 1947 und 1965 überstieg sie die Niedersachsens bezogen auf je 1.000 Einwohner deutlich und war auch höher als in den weiteren Bundesländern der Bundesrepublik (Wolfsburg: Ø18,05, Niedersachsen: Ø14,4, Bundesrepublik: Ø15,2). Doch scheint der Fokus der Stadt in jener Zeit augenscheinlich noch nicht auf dem Bau von Spielmöglichkeiten für die Sprösslinge gelegen zu haben. Beispielsweise erinnerte sich ein damals 12-jähriges Mädchen, das gerade mit ihrer Familie nach Wolfsburg gezogen war, folgendermaßen an ihre ersten Eindrücke von der Stadt: "Jetzt kamen wir in die Stadt hinein. Erstaunt riss ich die Augen auf. Die breiten Straßen, der rege Verkehr, die vielen Menschen, das große Häusermeer und der Lärm, dies hatte ich auf dem Land gar nicht kennengelernt. Hier könnte man bestimmt nicht auf der Straße spielen. Hier fahren auf den Straßen Busse, Autos, Fahrräder und Motorräder in buntem Durcheinander." (Aus: Wolfsburg – unsere Stadt. Frankfurt am Main/Berlin/Bonn 1963, S. 3f.) Es gab zu dieser Zeit andere Baustellen in der noch jungen Stadt, die vermutlich dringlicher waren, als der Bau von Spielplätzen.
Heute befinden sich in und um Wolfsburg mehr als 150 Spielplätze, die den Kindern der Stadt unterschiedliche Möglichkeiten geben, sich in ihrer Freizeit auszutoben. Bereits in den Sommerferien 1958 und demnach nur wenige Jahre nach Veröffentlichung der Karikatur am Pfingstwochenende 1955 hielt der Fotograf Klement spielende Kinder auf einem Hinterhofspielplatz in der Friedrich-Ebert-Straße fest und unterschrieb seine Aufnahme mit "Die wilde Wiese als Zeltplatz". Es hat ganz den Anschein, als hätte sich die Situation für den Nachwuchs der Stadt Wolfsburg in den folgenden Jahren verbessert. Ob als Reaktion auf den Wolf, der durch die Stadt fährt, muss offen bleiben.
Text: Marie Rauschenberger und Lennart Jahr, Ansprechpartner: Dr. Alexander Kraus, Projekt: Wolfsburg auf dem Weg zur Demokratie (Alle Rechte beim Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS)