Dr. Carl Hahn wird in China als „Person of the Year 2018“ geehrt / Foto: resch

Wolfsburg (WB/resch) Text wurde 13:25 Uhr aktualisiert - Dr. Carl Hahn wird am Samstag, 15. Dezember 2018, in Beijing mit dem „Person of the Year 2018“ Award ausgezeichnet.
Das Jahr 2018 markiert in China 40 Jahre Öffnung und Reformen. Dr. Hahn Hahn wird für sein Engagement beim Markteintritt von Volkswagen sowie sein Mitwirken beim Aufbau der Automobil- und Zulieferindustrie im Reich der Mitte gehrt.

Dr. Hahn wird als einer von vier Preisträgern auf der Bühne ausgezeichnet, die nationale Unternehmen, zivile Gesellschaften und staatseigne Unternehmen aus China sowie ausländische Unternehmen repräsentieren. Das Magazin „China Newsweek“ zeichnet insgesamt 40 Frauen und Männer als „Person of the Year 2018“ aus.

Die Auszeichnung als „Person of the Year“ ist etwas ganz Einzigartiges. Dieser Titel ehrt Menschen, die besonderen Einfluss auf Ereignisse hatten. In diesem Falle auf die Entwicklung im Reich der Mitte - in China. Diese Ehre wird nun dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Volkswagen Konzerns (1. Januar 1982 – 31. Dezember 1992) Dr. Carl H. Hahn zuteil. Für den heute 92-Jährigen ist dies eine von vielen Auszeichnungen. Dennoch ist sie für den gestandenen Wirtschaftskapitän etwas ganz Besonderes. Der Name des ehemaligen VW-Chefs ist untrennbar mit dem Aufstieg von Volkswagen zur Weltmarke verknüpft. Auch die Eroberung des amerikanischen Markts gehört zu den besonderen Leistungen des Sohnes eines Industriellen, dessen Wiege in Chemnitz stand – wo heute Volkswagen Motoren für den Konzern baut.

1954 zog es Hahn von Paris nach Wolfsburg zu Volkswagen, wo er zunächst als Assistent des VW-Chefs Heinrich Nordhoff arbeitete. Von 1959 bis 1964 leitete er Volkswagen of America und eroberte mit dem VW-Käfer die USA. Hahn hatte in dieser Zeit wesentlichen Anteil an den außergewöhnlichen Exporterfolgen n Nordamerika, was ihn 1964, mit 38 Jahren, in den VW-Vorstand führte. 1973 wechselte er als Vorstandsvorsitzender zur Continental Gummi-Werke AG in Hannover. 1982 kehrte Hahn als Vorstandsvorsitzender von Volkswagen nach Wolfsburg zurück und führte das wachsende Unternehmen bis Jahresende 1992. Danach wechselte in den Aufsichtsrat, wo er bis 1997 tätig war.

Unter seiner Ägide hat sich das Unternehmen zum europäischen Marktführer entwickelt. In Hahns Ära fiel der Kauf von SEAT und Škoda ebenso wie die Weichenstellung für Geschäfte mit China. Dieses Riesenreich hat sich zur wichtigste Verkaufsstütze des Konzerns entwickelt. China war und ist Hahns große Passion.

Es ist 40 Jahre her, dass Volkswagen als einer der ersten internationalen Automobilhersteller Kontakte nach China knüpfte. Deng Xiaoping leitete in den 1970er Jahren wirtschaftliche Reformen und eine erste vorsichtige Öffnung gegenüber dem Ausland ein. Damit war eine wichtige Voraussetzung für internationale Wirtschaftsbeziehungen geschaffen.

Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Bundesrepublik Deutschland ermöglichte erstmals 1978 eine chinesische Delegation aus der Volksrepublik zu einem Besuch in Westdeutschland zu empfangen. Es ging darum potenzielle Partner für ein Automobilprojekt zu sondieren.

Nur wenig später verhandelten Wolfsburger Manager und chinesische Regierungsvertreter über eine lokale Montage eines Volkswagen Modells. Ein Faktor, der von Anbeginn Vertrauen schuf, war das zu diesem Zeitpunkt seit Jahrzehnten erfolgreiche Engagement von Volkswagen in Brasilien und Mexiko. In diesen Ländern hatte der Konzern Pionierarbeit beim Aufbau einer nationalen Automobil- und Zulieferindustrie geleistet. Vertrauen und der Wille zu langfristiger, verlässlicher Zusammenarbeit auf Augenhöhe, sind die Basis für eine gute und stabile Partnerschaft mit Zukunft, so signifiziert Hahn die Grundlagen einer erfolgreichen Kooperation.

Vom Ergebnis der deutsch-chinesischen Verhandlungen profitierten beide Seiten. Die Industrialisierung Chinas wurde durch ausländisches Kapital und Knowhow erheblich beschleunigt. Für Volkswagen spielte die Erschließung neuer Absatzmärkte in Asien eine große Rolle und war wichtiger Teil der Unternehmenspolitik. Die zu diesem Zeitpunkt noch kaum motorisierte Volksrepublik eröffnete dies enorme Zukunftschancen.

Zu den Rahmenbedingungen Chinas gehörte es, dass sich jedes ausländische Unternehmen mit einem einheimischen staatlichen Partner zu einem Joint Venture zusammenschließen musste. Beide Partner waren daran zu gleichen Teilen beteiligt. Volkswagen akzeptierte diese Voraussetzung.

Vereinbart wurde zunächst ein stufenweiser Produktionsaufbau. Der 1982 unterzeichnete Montagevertrag mit der Shanghai Tractor & Automobile Corporation, dem damals größten chinesischen Fahrzeughersteller, war hierbei ein wichtiger ein Meilenstein. Der Bandablauf des ersten probeweise aus CKD-Bausätzen (= Completely Knocked Down) hergestellten Volkswagen Santana markierte am 11. April 1983 den Beginn der Volkswagen Fertigung in China. Die viertürige Stufenheckversion des Bestsellers Passat B2 hatte bei den deutschen Konsumenten nicht so viele Fans wie der Passat Variant, sie traf dafür den Geschmack chinesischer Kunden. Die rekrutierten sich in den Anfangsjahren mehrheitlich aus staatlichen Stellen und Taxi-Unternehmen.

 Im Oktober 1984 folgte der nächste Schritt: Als erster ausländischer Automobilhersteller schloss die damalige Volkswagenwerk AG einen Joint-Venture-Vertrag, dem Anfang 1985 die Gründung der Shanghai-Volkswagen Automotive Company Ltd. folgte. Schon im Herbst des Jahres rollte der erste im Rahmen dieser Kooperation gebaute Santana vom Band, bis zum Jahresende produzierte das deutsch-chinesische Gemeinschaftsunternehmen bereits 1.700 Fahrzeuge. 1986 wurden in Shanghai neben dem Santana auch der Passat Variant und Audi 100 montiert. Mit Zuwachsraten von rund 40 Prozent ging es in den nächsten Jahren weiter. In den Folgejahren wurde daher der Ausbau des Produktionsstandortes stetig voran getrieben. 1988 eröffnete ein Aus- und Weiterbildungszentrum, 1989 nahmen eine neue Lackiererei und die Produktion im Presswerk und Motorenbau ihre Arbeit auf.

Durch die hohe Zahl der vor Ort produzierten Komponenten wurde der Santana zu einem Volkswagen „Made in China“, der im Gegensatz zu ausländischen Fahrzeugen keinen Importbeschränkungen unterworfen war. Das Gemeinschaftsunternehmen entwickelte sich rasch zum größten Pkw-Hersteller des Landes und machte Volkswagen zum Marktführer. Diese Position wurde 1991 durch die Gründung eines zweiten Joint-Ventures weiter abgesichert. Die gemeinsam mit dem lokalen Partner First Automobile Works gegründete FAW-Volkswagen Automotive Company, Ltd. in Changchun nahm 1994 mit einer Jahreskapazität von 150.000 Fahrzeugen die Produktion des VW Jetta auf. Zur Steuerung der chinesischen Beteiligungsgesellschaften und der laufenden Projekte wurde 1992 das Vorstandsressort Asien-Pazifik geschaffen und 1993 in Hongkong die Volkswagen Asia-Pacific Ltd. gegründet. Damit reagierte der Volkswagen Konzern auf den weiterhin erwarteten Bedeutungsgewinn des chinesischen Marktes, der innerhalb weniger Jahre von Platz 16 der Absatzstatistik auf Rang 3 vorrückte.

Innerhalb der folgenden zehn Jahre und einer andauernden automobilen Hochkonjunktur verzehnfachten sich die Verkaufszahlen der Volkswagen Modelle. Bis 2003 bauten die mittlerweile drei Automobilwerke von Shanghai Volkswagen und die beiden Werke der First Automotive Works  (FAW) ihren Absatz auf jährlich fast 700.000 Fahrzeuge aus. Seine starke Marktposition verteidigte Volkswagen gegen japanische und amerikanische Autobauer, die ihre Fertigungskapazitäten nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2004 erheblich erweitert hatten. Trotz verschärften Wettbewerbs wuchs China für die Marke Volkswagen weiter zum größten Einzelmarkt, auf dem 2012 nicht weniger als 2,815 Millionen Fahrzeuge abgesetzt wurden.

Dieser enorme Wachstumskurs in China wurde auch in den folgenden Jahren weitergeführt und ab 2012 von einem eigenen Vorstandsressort gesteuert. Die Umsetzung einer nachhaltigen Zukunftsstrategie begann 2014 mit der größten Initiative für Elektromobilität in der automobilen Geschichte des Landes. Den Anfang markierte die Markteinführung des e-up!, 2015 folgten der Golf GTE und der Audi A3 e-tron. Die auf den chinesischen Markt zugeschnittene Elektromobilitätsstrategie sieht vor, dass die Joint-Ventures der Volkswagen Group neben bisherigen und weiteren Importmodellen sukzessive bis 2025 rund 40 neue, lokal produzierte Plug-in-Hybride und Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen. China gibt heute den automobilen Trend der Zukunft vor.

Hahn erinnert im Gespräch mit dem Wolfsburger Blatt daran, dass für den Konzern die enormen Stückzahlen, die in einem so immens großen Land abgesetzt werden können, immer Herausforderung und Chance zugleich waren und sind. Auf die E-Mobilität in Deutschland angesprochen erklärt er, dass eine entsprechende Infrastruktur grundlegende Bedingung für deren Erfolg sei. Sie sei die Basis und die Voraussetzung einer erfolgreichen und umfassenden E-Mobilität.

Diese Zusammenstellung kann nur einen groben Überblick dessen verschaffen, was Hahns Engagement für China betrifft. Der Unternehmer ist stolz auf die Errungenschaften des deutschen Automobilbaus, gleichzeitig hat er Hochachtung vor dem Volk im Reich der Mitte, Menschen mit beispiellosem Fleiß und unbedingtem Willen und Freude, Leistung zu erbringen.

Dass er die Auszeichnung „Person of THE Year“ Titel erhalte, erfülle ihn „mit großem Stolz und Dankbarkeit“, sagt der ehemalige Manager. „Dieser Preis kommt unerwartet, ist ganz einmalig, fast unvorstellbar und das alles bewegt mich tief“. Dr. Hahn betrachtet diese Auszeichnung auch als Dank und Anerkennung für jene Menschen, die China in den vergangenen 40 Jahren mit nach vorne gebracht haben. Hahn dankt und erinnert an damalige Weggefährten: Hans-Joachim Paul, Dr. Martin Posth († 17. September 2017 in Berlin), Paul-Josef Weber und Prof. Dr. Burkhard Welkener. Er werde den Preis für auch sie sowie die Volkswagen Mannschaft in China und in der ganzen Welt entgegennehmen, sagt Hahn.

Die Auszeichnung „Person oft he Year“ ist auch für die Stadt Wolfsburg, Volkswagen und das Werk Wolfsburg eine große Ehre. Sie wird der Unternehmerpersönlichkeit zuteil, deren Leben intensiv mit dem Automobilbau in Verbindung steht und dessen Einsatz unsere Region und unser Land entscheidend mit geprägt hat.

Das Gespräch mit Dr. Carl H. Hahn führte Regine Schmidt für das Wolfsburger Blatt am 11. Dezember in Wolfsburg. Der Text enthält Informationen von Volkswagen Heritage.