Im Namen der Projektpartner stellte Prof. Dr. rer. medic. habil. Martina Hasseler (Mitte) von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften die Ergebnisse der Befragung kleiner und mittlerer Unternehmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege vor. / Foto: Wolfsburg AG

Arbeitnehmer und Arbeitgeber regionaler Unternehmensehen Unterstützungsbedarfe
Interdisziplinäres Projekt erarbeitet Lösungen
Wolfsburg (WB/Wolfsburg AG) - Bisher lag der Schwerpunkt einer familienfreundlichen Personalpolitik in Unternehmen überwiegend auf der Kinderbetreuung. Im Hinblick auf die älter werdende Bevölkerung rückt künftig die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege stärker in den Fokus.

Das zeigte eine Bedarfsanalyse unter Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Wolfsburg und Helmstedt. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass die befragten rund ein Dutzend kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) dieser Herausforderung noch nicht systematisch begegnen. Die Befragung ist Teil des Projekts „Initiative zu Empowerment durch Partizipation“.
Sie bildet die Grundlage für die Mitte Mai 2018 beginnende Lösungswerkstatt, in der Unternehmen und lokale Anbieter gemeinsam Angebote für pflegende Angehörige erarbeiten und umsetzen. Für die Teilnahme daran können sich interessierte Firmen anmelden unter Telefon 05361.897-4730 oder E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Zu den Partnern des aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderten Projektes gehören neben der Wolfsburg AG als Projektträger die Allianz für die Region GmbH, Arbeitgeberverband Region Braunschweig e.V.(AGV), Bündnis für Familie Wolfsburg, Koordinierungsstelle Frau und Wirtschaft Wolfsburg-Gifhorn-Helmstedt, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und Überbetrieblicher Verbund Wolfsburg-Helmstedt.

Demografischer Wandel heißt für die Pflegebranche, mehr ältere und pflegebedürftige Menschen stehen weniger Pflegekräften gegenüber. Wenn anteilig weniger Menschen versorgt werden können, verschieben sich Pflegeaufgaben auf die Angehörigen. „Die Zahl der Arbeitnehmer, die ihre Angehörigen pflegen und somit höheren Belastungen ausgesetzt sind, steigt. Bereits jetzt verzeichnen über 40 Prozent der Unternehmen solche Fälle“, erläutert Wiebke Krohn von der Stelle für Soziale Innovation der Unternehmensverbände Niedersachsen e.V.

Individuelle Lösungen im Vordergrund
Prof. Dr. rer. medic. habil. Martina Hasseler, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, hat mit ihrem Team die Befragung durchgeführt und ausgewertet: „Einige Befragte haben den Eindruck, dass im Gegensatz zur Vereinbarkeit von Kindern und Beruf die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf eher als Tabuthema empfunden wird.
Mitarbeitern mit Pflegeaufgabe bieten die befragten KMU in der Regel nur wenige individuelle Lösungen an, über die sich ein Teil des hohen organisatorischen und zeitlichen Aufwands für die Pflege abfedern lässt. Wir gehen davon aus, das angesichts der zu erwartenden demografischen Alterung, das Thema für die Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnt und systematische sowie kreative Angebote zur Unterstützung von pflegenden Mitarbeitern entwickelt werden müssen.“
Die befragten Arbeitnehmer bestätigten, dass einige Arbeitgeber bereit sind, die Arbeitszeiten anlassbezogen und unkompliziert flexibel zu gestalten, z.B. in Form von Arbeitszeitverkürzungen oder Teilzeit-Arbeitsverhältnissen. In der dadurch für die Steuerung, oder seltener auch die Ausübung, der Pflegeaufgabe gewonnenen Zeit, liegt der vorrangige Bedarf der befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie möchten Planungssicherheit, um die eigene Berufstätigkeit fortsetzen zu können. Dafür greifen einige Befragungsteilnehmer auf Tagespflegeeinrichtungen oder während des Urlaubs auf Kurzzeitpflege zurück. Darüber hinaus, so die Ergebnisse der Befragung, wissen sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer nur wenig über Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige.

Existenzsicherung für Unternehmen
Die Bedarfsanalyse verdeutlicht, dass Pflege im häuslichen Umfeld eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die neben den Familien und pflegenden Angehörigen auch die Arbeitgeber sowie die Gesundheits- und Pflegepolitik betreffen.
Dabei liegt es vor allem auch im Interesse der Arbeitgeber, die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter zu erhalten. Dr. Annette Hempel, Geschäftsführerin des Modehauses Hempel in Wolfsburg, sagt: „Unser Anspruch, das kundenfreundlichste Modehaus in der Region zu sein, setzt zufriedene Mitarbeiter und damit eine zukunftsorientierte Personalpolitik voraus.
Gleichwohl brauchen wir nicht nur flexible Arbeitszeitmodelle, sondern zusätzliche Angebote, um herausfordernde Familiensituationen zu meistern.“ Zum Beispiel sehen die befragten Arbeitgeber einen deutlichen Bedarf nach einer niedrigschwelligen pflegerischen Fachberatung für berufstätige pflegende Angehörige. Insofern die Pflegeaufgabe vorhersehbar sei, könnte auch die zeitige Einstellung unterstützender Kräfte Abhilfe schaffen.
„Der Umgang mit der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist auch Teil einer modernen Unternehmens- und Führungskultur.
Sie trägt zur Unterstützung von Mitarbeitern und zur Reduzierung von Mehrfachbelastungen bei, wodurch langfristig auch der Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt wird“, erläutert Kathrin Ebeling, Leiterin GesundheitsWirtschaft der Wolfsburg AG.

Lösungswerkstatt soll Angebote erarbeiten und testen
Die Ergebnisse der Bedarfsanalyse fließen in die Mitte Mai 2018 beginnende Lösungswerkstatt ein. Hier erarbeiten Mitarbeiter und Führungskräfte der teilnehmenden Unternehmen gemeinsam mit lokalen und regionalen Dienstleistern Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege erleichtern. Einige Maßnahmen sollen anschließend exemplarisch in den Unternehmen umgesetzt werden.