Foto: Brief Oberstadtdirektor Hesses an Fritz Schael / StadtA WOB_HA_2316

Wolfsburg (WB/Stadt Wolfsburg) - „Kein Sport für das weibliche Geschlecht“ – vom schwierigen Beginn des Frauenfußballs in Wolfsburg

Für dieses ungeheuerliche Unterfangen hatte Oberstadtdirektor Dr. Wolfgang Hesse nun wirklich überhaupt kein Verständnis.

Es war ja auch nachgerade haarsträubend, was er durch das städtische Sportamt erfahren musste. Entsprechend deutlich wurde er dann auch in seinem Brief vom 21. August 1957 an [Fritz] Schael vom 1. FC Wolfsburg, unserer Archivalie des Monats August: „Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich dieses Vorhaben im Interesse des Wolfsburger Sports und der olympischen Idee für nicht glücklich halte und darf Sie bitten, Ihr Vorhaben noch einmal zu überprüfen.“ [StadtA WOB, HA 2316] Was den Oberstadtdirektor in eine derartige Abwehrhaltung versetzte, präzisierte er im nächstfolgenden Satz: Für die Stadt sei es „jedenfalls kein glücklicher Gedanke zu wissen, daß unsere mit großem Bemühen aufgebaute gemeinnützige Sportanlage für Damenfußballspiele zur Verfügung gestellt werden soll, die für den echten Sportsgedanken kaum bahnbrechend sind“.

Kein Sport fr das weibliche GeschlechtWas aus heutiger Zeit nach starkem Tobak klingt – vor allem die Unverblümtheit der Ablehnung –, war seinerzeit gar nicht so verwunderlich. Auch andernorts in der Bundesrepublik war die Gemeinnützigkeit öffentlicher Sportanlagen für den Fußball allein den Männern vorbehalten. Der Deutsche Fußball-Bund e.V. hatte 1955, durchaus im Einklang mit der FIFA, allen Mitgliedsvereinen kategorisch untersagt, Frauenmannschaften zu gründen oder diesen Plätze zur Verfügung zu stellen – und dies unter anderem mit folgender fadenscheinigen Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ Dennoch wollten sich fußballbegeisterte Mädchen und Frauen offenbar das Kicken nicht verbieten lassen; und sie fanden hierbei auch Unterstützung.

Obgleich das Verbot bis Anfang der 1970er Jahre Bestand hatte, Städten drakonische Strafen wie die Nichtmehrberücksichtigung für die Ansetzung von Länderspielen in Aussicht gestellt wurde, setzten sich bereits unmittelbar nach dem DFB-Beschluss im Norden wie im Süden der Bundesrepublik Vereine über das Verbot hinweg, so auch in Wolfsburg. Die Bedenken des Oberstadtdirektors, der in seinem Schreiben betonte, ihm scheine „die Verantwortung, die der 1. FC sich mit einer derartigen Veranstaltung [auflade], nicht gering“, machte sich der engagierte Verein nicht zu Eigen. Vielmehr fand das geplante Spiel statt – tatsächlich vor sechzig Jahren, am 31. August 1957 – und dies unmittelbar vor dem Punktspiel des 1. FC Wolfsburg gegen den SV Gifhorn in der Amateurliga VII, das mit einem 5 zu 3 Heimsieg enden sollte. Die Wolfsburger Nachrichten kündigten in ihrer Samstagsausgabe vom gleichen Tag an: „Bereits am heutigen Sonnabend stehen sich in der Porschekampfbahn im Anschluß an das Damenländerspiel Deutschland – Holland [der] 1. FC Wolfsburg und SV Gifhorn gegenüber.“

Dass aber auch die schreibende Zunft nicht so recht etwas anzufangen wusste mit dem besagten Damenländerspiel an jenem verregneten Augusttag 1957, offenbart die distanzierende Berichterstattung in den hiesigen Zeitungen. Die Wolfsburger Allgemeine Zeitung konstatierte kurz und knapp, das Spiel sei „weich“ gewesen. Kritisch wurde darüber hinaus vermerkt, die „deutschen Stürmerinnen [haben] sich [beim] Auslassen der gut herausgespielten Torgelegenheiten“ übertroffen. Nur geringfügig wohlwollender hieß es am selben Tag in den Wolfsburger Nachrichten, die „Mädchen“ hätten „manchmal gute Ansätze [gezeigt], auch einige geschickte Spielzüge“, nur um sodann ein vernichtendes grundsätzliches Urteil zu fällen: „[A]ber es wurde deutlich, daß Fußball kein Sport für das weibliche Geschlecht ist. Turnerische und gymnastische Darbietungen drücken wohl doch die Anmut des Weiblichen besser aus als das Fußballspiel.“ Lakonisch wird das Spiel denn auch als ein „Kampf“ – in Anführungszeichen gesetzt – umschrieben, der mit einem 2 zu 2 Unentschieden endete. Tage zuvor schon manifestierte sich die Skepsis der hiesigen Sportberichterstatter, als am 21. August 1957 über den Westdeutschen-Damen-Fußball-Verband, der die Spiele der Damen-Nationalmannschaft organisierte, als zwielichtige Erscheinung berichtet wurde.

Leider ist mit Ausnahme des empörten Schreibens des Oberstadtdirektors kein weiteres Quellenmaterial der Debatte überliefert, was eine detailliertere Aufarbeitung der Vorgeschichte dieses Spiels nahezu unmöglich macht. Fast möchte man meinen, in heutiger Zeit sei ein solches Schreiben, wie das aus der Feder Hesses, angesichts der Erfolge der Wolfsburger Fußballerinnen in den letzten Jahren undenkbar. Doch war da nicht die Verschiebung der geplanten Feierlichkeiten für das Double aus Deutscher Meisterschaft und DFB-Pokal? Diese Feier war aufgrund des noch ausstehenden Rückspiels in der Relegation der Herren des VfL Wolfsburg gegen Eintracht Braunschweig auf Beschluss der Geschäftsführung des Vereins abgesagt worden. Die Stadt, so viel muss nach ihrem unrühmlichen Agieren von 1957 angemerkt werden, wäre für die offizielle Ehrung bereit gewesen.

Foto: Brief Oberstadtdirektor Hesses an Fritz Schael / StadtA WOB_HA_2316