Das Gespräch mit Philip Kovce führte Hans-Martin Barthold.

Philip Kovce, 1986 geboren, forscht am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und Philosophie der Universität Witten/Herdecke sowie am Basler Philosophicum. Er gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome an und veröffentlichte unter anderem den Essay „Von Bologna nach Berlin und wieder zurück. PhilipKovce fotoRalphBoesÜber die Verfassung der Universität. Eine Bildungsreise“ (2016) sowie gemeinsam mit Birger P. Priddat den Sammelband „Die Aufgabe der Bildung. Aussichten der Universität“ (2015).

Herr Kovce, Sie haben eine akademische Bildungsreise unternommen und darüber ein kluges Buch geschrieben. Die „Reise“ führte Sie von den Anfängen der ältesten europäischen Universität in Bologna über das Berlin Wilhelm von Humboldts wieder zurück ins Bologna des europäischen hochschulpolitischen Mainstreams. Was war Ihr Motiv und wurde aus der Fahrt eher Sightseeing oder eine Pilgerwanderung?

Jede Bildungsreise ist eine Expedition ins Ungewisse. Ich wollte verstehen, wie sich das Verständnis von Hochschule im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat – besonders, weil ich selbst an einer Hochschule studiert habe, deren Gründung für viel Wirbel sorgte. Als die Universität Witten/Herdecke als erste Hochschule in freier Trägerschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1983 eröffnet wurde, war das ein historischer Moment. Das hat mich zusätzlich angespornt, 1000 Jahre Hochschulgeschichte auf 100 Seiten zu verdichten.

Was können wir aus der Analyse von 1000 Jahren Hochschulgeschichte lernen? Gab es Ansätze und Versuche, die es für Bildungspolitiker, Universitätspräsidenten, Studierende und Arbeitgeber lohnte, heute noch einmal aufzugreifen?

Dass es diese 1000jährige Geschichte gibt, zeigt, dass Universität ein Erfolgsmodell ist. Die Freiheit von Forschung und Lehre hat sich bewährt. Für ihre Freiheit hat die Universität zuerst gegen kirchlichen, dann gegen staatlichen und in jüngster Zeit immer wieder gegen wirtschaftlichen Widerstand gekämpft. Und sie hat diesen Kampf immer dann gewonnen, wenn sie Kirche, Staat und Wirtschaft für die akademische Freiheit begeistern konnte. Ohne diese Freiheit degeneriert die Universität.

Die meisten Studienanfänger sehen im Studium eine der erfolgversprechendsten Möglichkeiten für eine hochqualifizierte Berufsausbildung. Sie suchen deshalb nach der am besten gerankten Hochschule mit so effizient wie möglich organisierten Studienangeboten. Das deckt sich durchaus mit dem hochschulpolitischen Mainstream, der die Universitäten als Wissensorganisationen definiert, zu denen man als Kunde geht, um dieses Wissen abzuholen. Was ist Ihre Kritik daran?

Wissen lässt sich bei Wikipedia abholen, dafür benötigen wir keine Universität. Wer an einer Hochschule studieren will, der hat die Gelegenheit, gemeinsam mit anderen Fragen zu vertiefen, welche die Wirklichkeit von morgen mitbestimmen. Dass die meisten bei der Studienwahl auf Rankings setzen, gleicht weniger einer freien Entscheidung als einer Urteilsverweigerung. Rankings taugen nicht als Qualitätsnachweis, weil sie für das Individuelle blind sind – also dafür, was für jeden Bildungsvorgang wesentlich ist.

Wir leben nicht erst seit der Finanzkrise in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte. Was ist am Ruf nach Effizienz und (Arbeits-)Marktorientierung auch für Forschung und Lehre an den Universitäten so falsch?

Daran ist gar nichts falsch. Nur tun wir heute genau das Gegenteil! Wir blähen eine Evaluationsbürokratie auf, die unter dem Vorwand der Effizienzsteigerung Zeit und Geld verschlingt, Initiative lähmt und Innovation verhindert. Und würden wir wirklich für den Arbeitsmarkt von morgen ausbilden, dann würden wir nicht so sehr auf Zahlen, Daten, Fakten, sondern vielmehr auf Ideenvermögen, Urteilskraft, Gestaltungswillen setzen.

Als eines der Ergebnisse Ihrer Bildungsreise behaupten Sie, die Universitäten seien zu Fach(hoch)schulen degeneriert, die ohne eigene Freiheit in der Lehre einen vorgegebenen und standardisierten Wissenskanon vermitteln. Dabei ist die Freiheit der Wissenschaft sogar im Grundgesetz garantiert. Woran machen Sie diese Entwicklung fest und was ergibt sich daraus? Was zeichnet eine Universität aus? Was sollte sie auszeichnen?

Die Freiheit von Forschung und Lehre ist grundrechtlich geschützt. Das hindert Universitäten jedoch nicht daran, damit fahrlässig umzugehen. Wenn nicht die akademische Freiheit, sondern Studierendenzahlen, Absolventenquoten oder Drittmittelanträge das Herz einer Hochschule bilden, dann sind wir in einer Bildungsplanwirtschaft angelangt, die heute größtenteils Realität ist. Wir richten die Bildungseinrichtungen inzwischen so ein, wie wir vor 100 Jahren die Fabriken eingerichtet haben. Industrie funktioniert heute innovativer als Universität. Das sollte uns zu denken geben!

Sie definieren Wissen als Ereignis und Bildung nicht nur als die Aneignung bereits bekannten Wissens, sondern vor allem als das gemeinschaftliche Entschlüsseln noch nicht geklärter Phänomene. Sie sprechen deshalb viel lieber von einer Denk- und Erkenntnis- als von einer Wissenskultur. Was versteckt sich dahinter?

Wenn Menschen berechenbar wären, dann wären Computer bessere Menschen. Doch das sind sie nicht. Wir haben gerade mit den unberechenbaren Fähigkeiten des Menschen zu rechnen, die sich umso besser entfalten, je mehr sie eingefordert werden. Und sie werden nicht eingefordert, wenn man nachäffen soll, was andere vorgeturnt haben, sondern wenn man tatsächlich zu denken beginnt – also sich selbst als denkendes, nicht bloß datenverarbeitendes Wesen erfährt. Diese Selbsterfahrung, die zugleich Selbsterkenntnis ist, veranlasst eine lebendige Universität. Das unterscheidet sie von sterilen Wissenssilos.

Was würden Universitätsabsolventen, die sich nicht nur Wissen angeeignet, sondern denken gelernt haben, in einer Berufswelt, die zu allererst aufs konfliktarme Funktionieren von Beschäftigten setzt – wie sich jüngst in der VW-Krise wieder zeigte –, besser machen können? Was wären ihre Vorteile?

In meinen Augen ist der eigentliche VW-Skandal nicht die Abgasaffäre, sondern die Reaktion des Unternehmens darauf. Ein Vorstandsressort, das extra neu geschaffen wurde, soll in Zukunft verhindern, dass derartige Machenschaften stattfinden. Doch dieses „Compliance“-Ressort führt gerade zum endgültigen „Outsourcing“ der Verantwortung, die heute schon kaum jemand mehr übernimmt. Das Misstrauen Mitarbeitern gegenüber korrespondiert in unserer Arbeitswelt mit institutionalisierter Verantwortungslosigkeit. Wir wären um einiges besser, wenn wir uns statt dieser Skandale wirkliche Konflikte leisten würden!

Ich behaupte, die Universitäten bilden so aus, wie es ihre „Kunden“, das heißt die Unternehmen, wünschen. Wenn die Universitäten also wieder zu Denkorten werden sollen, müsste sich dann nicht zuvorderst etwas in den Unternehmen ändern?

Wer sagt eigentlich, dass sich die Kindergärten, Schulen und Hochschulen nach den Unternehmen richten müssen? Könnte es nicht auch genau umgekehrt sein? Dass mit einer neuen Generation neue Fähigkeiten in die Gesellschaft hineinwachsen, auf die nicht zuletzt die Unternehmen angewiesen sind? Die Unternehmen, die das als erstes erkennen, und die Hochschulen, die sich als erstes darauf einstellen, werden alsbald einen beträchtlichen Wettbewerbsvorteil genießen…

Mit einem Universitätsstudium, liest man in Ihrem Buch, werde ein „biographisches Start-up“ auf den Weg gebracht. Wie aber können Universitäten, die schon seit Jahren unter dem Würgegriff politischer und ökonomischer Interessen ächzen, die Massen von Studenten zu betreuen haben, wieder zu Orten werden, an denen man das Denken üben kann? Was ist Ihre Vision?

Hochschulen werden zu Denkschulen, wenn sie Fähigkeiten individuell auszubilden und wahrzunehmen helfen. Das entspricht einem freien Bildungsbegriff, der sich letztlich nicht zertifizieren lässt. Wir bilden uns, wenn wir unsere Erfahrungen so ernst nehmen, dass daraus Erkenntnisse erwachsen können. Das sollten Universitäten zumindest nicht verhindern.