Patrick Wojcicki / Foto: AKBC WOB

Boxen trotz Mega-Talenten wie Patrick Wojcicki im Abseits?
Wolfsburg (WB/Fred G./Gastbeitrag) - Er kommt aus Wolfsburg. Sein Name: Patrick Wojcicki. Er ist 27 Jahre alt und Boxer. Nicht irgendein Boxer: Patrick Wojcicki ist dreifacher deutscher Meister. Zudem holte er sich 2011 den Chemiepokal und 2012 die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Da Ausnahmetalente gerne über den Tellerrand schauen, holte der Athlet aus Wolfsburg sich 2015 auch gleich noch den Sieg beim World-Cup im Kickboxen.

All dies ist ebenso beeindruckend wie die Tatsache, dass er, mit einer Ausnahme, alle Profikämpfe mit einem Sieg für sich entscheiden konnte. Ausnahmeerscheinungen wie Patrick Wojcicki sind normalerweise im Fernsehen allgegenwärtig. Dass er es nicht ist, wirft Fragen auf. Dabei schleicht sich eine unschöne Erkenntnis ein: Die Tage, in denen Boxen im deutschen Fernsehen allgegenwärtig war, sind vorbei – ein Problem, das der Fußballsport im Gegensatz zu Patrick Wojcicki nicht hat. 
Ist Boxen langweilig geworden? Warum interessieren sich die Medien nicht mehr für den Boxsport oder die Karriere des Ausnahmeboxers aus Wolfsburg?

Spatolas und Patrik AKBC

Patrik Wojcicki  mit Antonino Spatola und Antony Spatola vom AKBC Wolfsburg / Foto: AKBC WOB

Bevor der Boxsport im Fernsehen K.O. ging
Unvergessen sind die Tage, in denen Henry Maske zu den Klängen von „Conquest of Paradise“ zum Ring schritt. An diesem Tag standen 16 Millionen Fernsehzuschauer mit ihn im Ring. Ein Rekord, der am 9. Dezember 1995 nochmals getoppt wurde: An diesem Abend trat Axel Schulz gegen den Südafrikaner Francois Botha in den Ring, um zu klären, wer von ihnen den Weltmeister-Titel verdient hat. Viele bezeichnen den Ausgang des Kampfes als skandalös. Über die Rekordzahl von 18,03 Millionen Zuschauern ließ sich hingegen nicht streiten: Sie markierte einen definitiven Höhepunkt im deutschen Boxfernsehen. Apropos Höhepunkt: Bevor die Klitschko-Brüder den Ring verließen, kannte jedes Kind in Deutschland ihren Namen. Ihre Kämpfe und Siege spendierten dem Sender RTL traumhafte Einschaltquoten von rund 50 Prozent. Zahlen, von denen nachfolgende Boxchampions aus Deutschland nur träumen konnten. Was ist passiert?
 
Mangelt es an Größen?
Sport lebt von Persönlichkeiten. Er braucht Gesichter, um die Menschen zu packen. Wenn ein Jogi Löw sich während eines WM-Spiels „in die Hose greift“ sorgt dies für mehr Aufmerksamkeit als der Ausgang des Spiels. Ebenso haben Menschen wie Boris Becker und Steffi Graf den Tennis-Sport zu einem Massenphänomen gemacht. Die Erkenntnis: Das Publikum fiebert nicht mit Mannschaften, sondern mit Menschen. Dabei kann schon eine fiktive Geschichte wie die TV-Serie „Anna“ ausreichen, um die Ballettschulen der Republik mit Neuzugängen zu überfluten. Henry Maske war eine dieser Persönlichkeiten, die dem Boxsport ein Gesicht verliehen. Damit stand er nicht alleine da. Trotzdem wäre es unfair, dem Boxsport zu unterstellen, es würde ihm an Persönlichkeiten mangeln. Größen wie die Klitschko-Brüder oder Boris Becker wären niemals so berühmt geworden, wenn die Fernsehsender ihnen nicht ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Auch neue Helden wie Patrick Wojcicki könnten diese Rolle einnehmen. Wenn man sie nur ließe. Gibt es vielleicht noch andere Gründe, warum Boxer es mittlerweile so schwer im TV haben?
 
Fake News sind spannender als Fake Fights
Boxen lebt von Helden. Von Menschen, mit denen wir zittern und fiebern können. Hollywood hat das längst begriffen: Der Held ist nur so groß, wie der Gegenspieler es erfordert. Ein Held, dessen größte Herausforderung darin besteht, eine Katze vom Baum zu holen, löst beim Zuschauer keine Schweißausbrüche aus. Boxhelden brauchen starke Gegner. Sie verleihen der Erzählung vom Helden Strahlkraft, und führen dazu, dass wir dabei sein wollen, wenn er seiner größten Herausforderung Auge in Auge gegenübersteht. Die Realität sah in der jüngeren Vergangenheit viel zu oft anders aus: Da wurden Boxer vor Niederlagen beschützt, in denen man ihnen „ungefährliche Gegner“ in den Ring stellte. Da wurden Kämpfe als Spektakel angekündigt, die keine waren. Es blieb die Erkenntnis, dass es bessere Möglichkeiten gibt, den Samstagabend zu verbringen, als sich zwölf Runden lang vor dem Fernseher zu langweilen. Am Ende wurde das, was einst Millionen vor die Bildschirme zog, zur Zeitverschwendung. Und die Fernsehsender zogen ihre Konsequenzen daraus. Wir leben in einer Zeit, in der Boxkämpfe eher daraus bestehen, dass Präsidenten sich Fights mit der Presse liefern. Fake News statt Fake Fights? Immerhin sind sie spannender ... 
 
Wie sieht die Zukunft aus?
Der Boxsport hat nichts von seiner Strahlkraft verloren. Es wird Zeit, dass er aus seinen Fehlern lernt und wieder attraktiv für die Massenmedien wird. Eine erste Entwicklung zeichnet sich bereits ab: Da sich die Frage nach Millionen aus Senderechten nicht mehr stellt, sind viele Untugenden verschwunden. Boxen ist wieder leidenschaftlicher geworden. Es finden wieder „echte“ Kämpfe statt – mit Athleten, für die es um alles oder nichts geht. Damit findet Boxen wieder zur alten Größe und Strahlkraft zurück, die einst Millionen faszinierte. Ein mögliches künftiges Aushängeschild trainiert zurzeit in Wolfsburg. 

Quellen: